

EG Flur | 5 | Souvenir Tableaus, Die Nachhaltigkeit des Erinnerns
Collage, ein ganz besonderes Unikat aus der Biedermeierzeit (ca. 1815-1848), oder die spätere Monarchie. Man nennt diese Art von Arbeiten oft „Gedenkbilder“ oder „Souvenir-Tableaus“.
Es scheint, als hätte Dorry Friesen hier Familienerbstücke oder eine persönliche Sammlung zusammengestellt. In der Riemergasse gab es prachtvolle Altstadthäuser. Ein „Dr. Kleemann“ als Hauptmieter passt perfekt zu dem hier gezeigten, sehr kultivierten und geschichtsbewussten Geschmack. Diese Collage war ein Teil eines Möbelstückes. Dass Dorry Friesen ihren Namen so explizit mit der Adresse in der Riemergasse (1. Bezirk) vermerkt hat, spricht dafür, dass sie dieses Objekt als wertvollen Familienbesitz sah.
In einem kunsthistorischen Dokument (einem Katalog über den Maler Bruno Croatto) wird ein Notar Dr. Christian Kleemann explizit mit der Adresse Wien I., Riemergasse erwähnt. Das erklärt, warum er in der Riemergasse 1 (einem Haus, das bis heute für Kanzleien bekannt ist) ansässig war. Als Notar gehörte er zur gehobenen Wiener Gesellschaft. Es war damals üblich, dass solche Persönlichkeiten Kunst sammelten oder wertvolle Familienerbstücke besaßen. Obwohl „Dorry Friesen“ nicht als bekannte Künstlerin geführt wird, deutet der Vermerk „p.A.“ (per Adresse) darauf hin, dass sie in einer engen Beziehung zum Haushalt des Notars stand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie eine Verwandte (vielleicht eine Nichte oder eine ledige Schwester) oder eine sehr enge Vertraute der Familie war, die im Haushalt von Dr. Kleemann lebte oder dort ihre Post empfing. Da sie ihren Namen und die Adresse des Notars auf die Rückseite geschrieben hat, wollte sie sicherstellen, dass dieses Erbstück ihr eindeutig zugeordnet werden kann – vielleicht in einer Zeit des Umbruchs (wie dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor ca. 80 Jahren).
Die Collage selbst ist ein typisches Produkt der Wiener bürgerlichen Kultur. Die Verwendung des k.u.k. Doppeladlers (rechts oben) zeigt, dass die Familie, aus der dieses Bild stammt, sehr loyal zum Kaiserhaus stand.Die Mischung aus Scherenschnitten (die oft Familienmitglieder darstellten) und religiösen Bildchen deutet darauf hin, dass es sich um ein über Jahrzehnte gewachsenes Familien-Tableau handelt, das wahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert begonnen wurde.
Was wir auf der Collage sehen:
Scherenschnitte (Silhouetten): In der Mitte und oben links/rechts sieht man die typischen schwarzen Schattenrisse. Diese waren im 19. Jahrhundert die „Fotos“ der bürgerlichen Gesellschaft.
Religiöse Motive: Es sind mehrere Andachtsbildchen (z. B. St. Maria, Hl. Magdalena) mit Spitzenbordüren aus Papier (Spitzenbilder) aufgeklebt. Das deutet auf einen katholisch-geprägten, bürgerlichen Hintergrund hin.
Florale Gouachen & Stiche: Die großen Blumenmotive in der Mitte und unten sind handgemalte oder kolorierte Grafiken, die oft aus Alben oder Poesiealben stammen.
Kaiserlicher Adler: Rechts oben prangt der Doppeladler der k.u.k. Monarchie. Das ist ein starkes Indiz für die patriotische Verbundenheit der ursprünglichen Besitzer zu Österreich-Ungarn.
Stiche von Landschaften: Die kleinen Schwarz-Weiß-Bilder zeigen Schlösser oder Ruinen, die oft als Souvenirs von Reisen gesammelt wurden.
Nachhaltigkeit:
1. Die „Nachhaltigkeit des Erinnerns“ (Kulturelles Erbe)
Nachhaltigkeit wird oft nur ökologisch verstanden, aber die soziokulturelle Nachhaltigkeit ist ebenso wichtig.
- Bewahrung: Das Exponat zeigt, wie über Generationen hinweg Bruchstücke (Scherenschnitte, Andachtsbilder) bewahrt wurden, statt sie wegzuwerfen. Es ist ein Gegenentwurf zur heutigen „Wegwerfgesellschaft“.
- Identität: Durch die Beschriftung auf der Rückseite bleibt die Geschichte von Dorry Friesen und Dr. Kleemann erhalten. Das Museum nutzt dieses Bild als „Speicher“ für menschliche Biografien, die sonst im Müll der Geschichte gelandet wären.
2. Upcycling und Ressourcen im 19. Jahrhundert
Lange bevor der Begriff „Upcycling“ erfunden wurde, war es eine Notwendigkeit.
- Materialnutzung: Die Collage besteht aus Resten: Papierschnipsel, Stoffreste, alte Stiche. Nichts wurde verschwendet. Man schuf aus „Abfall“ etwas Neues, Wertvolles (ein Kunstwerk).
- Langlebigkeit: Während wir heute digitale Fotos massenhaft produzieren und oft wieder löschen, wurde hier mit minimalem Materialeinsatz ein Objekt geschaffen, das – wie Sie sagten – über 80 (und teils über 150) Jahre überdauert hat.
3. Warum wird es dort ausgestellt?
In der Sammlung Hirschfeld dient ein solches Exponat oft dazu, den Wert des Unscheinbaren zu betonen. Es wird dort ausgestellt, um:
- Den Blick für Details zu schärfen.
- Die Verbindung zwischen dem urbanen Wien (Riemergasse) und dem ländlichen Raum (Gaas) durch Migration von Objekten aufzuzeigen.
- Zu zeigen, dass „Nachhaltigkeit“ auch bedeutet, Dinge zu pflegen, zu rahmen und wertschätzend zu behandeln.
Worüber müssen wir nachdenken, wenn wir das Exponat sehen?
Wenn Sie vor diesem Bild im Museum stehen, regt es zu folgenden Fragen im Sinne der Nachhaltigkeit an:
- Konsum vs. Wertschätzung: Was besitze ich heute, das ich so sehr schätze, dass ich es für die nächsten 100 Jahre bewahren würde?
- Die Materialität der Information: In einer digitalen Welt verlieren wir das Haptische. Was bleibt von uns übrig, wenn die Server abgeschaltet werden? Dorry Friesens Collage braucht keinen Strom, um ihre Geschichte zu erzählen.
- Entschleunigung: Die Herstellung einer solchen Collage dauerte Wochen oder Monate. Es ist ein Symbol für eine Zeit, in der Zeit selbst eine nachhaltige Ressource war, die man in Handarbeit investierte.
Das Bild ist also ein Mahnmal für die Beständigkeit. Es lehrt uns, dass Dinge, die mit Bedeutung aufgeladen sind, nicht veralten, sondern an Wert gewinnen – die ultimative Form von Nachhaltigkeit.
